Wie man Online-Teilnehmende bei einer Präsenzveranstaltung einbindet – die Moderation

HowTos zu hybriden Bildungsveranstaltungen – Teil 1

Hybrides Setting | Jula Henke für J&K – Jöran und Konsorten, CC BY 4.0

„Geht das auch in hybrid?“

„Können wir diese Veranstaltung nicht in hybrider Form durchführen?“ Diese Frage wird im Bildungsbereich nach den Erfahrungen aus der Coronakrise viel häufiger als vorher gestellt. Und viel schneller bekommt man auch ein „grundsätzlich ja“ als Antwort auf die Frage. Aber wie genau kann man das gestalten? In diesem Artikel beschreiben wir ein typisches Setting: eine Präsenzveranstaltung mit Bühnenprogramm, also z.B. Vortrag mit Diskussion, Bühnengespräch oder Podiumsdiskussion. Die Formate, um die es an dieser Stelle geht, haben gemeinsam, dass es sowohl einen Livestream nach außen als auch einen Rückkanal für Wortmeldungen aus dem Internet gibt.

Das Setting „Bühne“ bei Präsenzveranstaltungen

Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf ein Setting von einer Bildungsveranstaltung mit einer Bühne. Das muss keine Bühne im Sinne eines realen Podests sein. Vielmehr meint Bühne eine Verabredung hinsichtlich der Rollen: Es gibt auf der einen Seite „sprechende“ Personen, die man Referenten / Referentin / Speaker / Diskutanten / Podium o.ä. nennt. Es gibt andererseits „zuhörende“ Personen, die man Teilnehmende, Publikum o.ä. nennt. Die Konvention eines solchen Settings lautet: Wer auf der Bühne ist, darf immer sprechen. Wer im Publikum ist, muss dafür gesondert das Wort erteilt bekommen.

Jöran Muuß-Merholz steht mit Mikrofon auf einer Getränkekiste beim OERcamp in Lübeck 2019 und spricht zu einer Gruppe.

Das Setting „Bühne“ bei hybriden Veranstaltungen

Um dieses Setting für hybride Formate für verschiedene Varianten zu verstehen, hilft eine Analyse auf grundsätzlicher Ebene. Die folgende Grafik zeigt die verschiedenen Komponenten bzw. Rollen:
  1. Es gibt eine Bühne – das ist der Ort, wo Menschen zu allen anderen sprechen.
  2. Es gibt ein Publikum – das ist der Ort, wo Menschen denjenigen zuhören, die auf der Bühne sind.
    • Ein Teil davon ist das Präsenz-Publikum, das sich am selben Ort wie die Bühne befindet.
    • Ein Teil davon ist das Online-Publikum, das sich an einem anderen Ort als die Bühne befindet.
  3. Zwischen der Bühne gibt es einen (symbolischen) „Bühnengraben“ – und zwar einen asymmetrischen Graben. Denn von der Bühne aus in Richtung Publikum kann man immer sprechen. Aber vom Publikum aus in Richtung Bühne muss dieser Graben explizit überwunden werden.
Für die Überwindung des Bühnengrabens gibt es zwei Möglichkeiten: 1. die ungeordnete Option, genannt: „Zwischenruf“. 2. die geordnete Option über eine Moderation. Im Folgenden konzentrieren wir uns auf diese zweite Möglichkeit. Die Moderation hat verschiedene Aufgaben. Dazu gehört zum einen die Moderation unter den Personen auf der Bühne. Im Folgenden geht es aber um die Aufgaben, die die Beiträge aus dem Publikum betreffen. Die Grafik zeigt eine symbolische „Brücke“. Das ist ein gedachter Platz, von dem aus Personen aus dem Publikum zu allen sprechen können. (In technischer Hinsicht ist es besonders wichtig für hybride Settings: Von der „Brücke“ aus spricht man nicht nur zur Bühne, sondern auch zum weiteren Publikum – online und vor Ort.) Die Brücke ist ein besonderer Ort. Denn die Person auf der Brücke bekommt für einen Moment die Möglichkeiten, die sonst nur die Personen auf der Bühne haben. Sie wird aber nicht vollwertiges Mitglied der Bühne. Es ist ein Ort zwischen Bühne und Publikum – eben eine Brücke.

Grundsatzüberlegungen zum Aufbau bei hybriden Bildungsveranstaltungen

Screencast zur Grafik:

Exkurs: Hybride Bühne

In den beschriebenen Settings wurde davon ausgegangen, dass die Personen auf der Bühne alle in Präsenz vor Ort sind. Das muss natürlich nicht so sein. So wie ein Beitrag aus dem Online-Publikum über eine Online-Brücke „auf die Bühne geholt“ werden kann, so lassen sich auch Diskutanten und Referent*innen über Video-Zuschaltung auf die Bühne integrieren.

Hybride Bühne „light“– eine zugeschalteter Person auf einem Tablet (hier beim OERcamp in Hamburg 2020, Foto von Gabi Fahrenkrog für OERinfo (CC BY 4.0)

Livestream und Rückkanal

Im Folgenden geht es um die Moderation dieses besonderen Settings. Dafür wird vorausgesetzt, dass es neben der Präsenzveranstaltungen 1. einen Livestream und 2. einen Rückkanal gibt.

Für den Livestream, muss die Moderation darauf achten, dass alle Wortbeiträge, die für alle gedacht sind, auch bei allen ankommen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Hier ein paar typische Probleme, die die Moderation im Blick behalten muss:

  • Eine Person aus dem Präsenzpublikum macht einen Zwischenruf, was beim weiteren Präsenzpublikum und auf der Bühne zu hören ist – aber nicht beim Online-Publikum. In diesem Fall muss die Moderation den Beitrag wiederholen oder die Person um eine Wiederholung bitten, indem sie die Brücke nutzt. Die Brücke ist in diesem Fall zum Beispiel ein Saalmikrofon.
  • Eine sehr verbreitete Variante dieses Problems: Eine Person steht im Publikum auf, wartet nicht auf ein Saalmikrofon, sondern sagt: „Ich kann auch laut sprechen und habe nur eine kurze Frage.“ Auch das kommt dann möglicherweise nicht beim Online-Publikum an.
  • Eine Person aus dem Online-Publikum schreibt einen Beitrag, der über ein technisches Tool auf einer Leinwand zu sehen ist. Das Online-Publikum kann es sehen, das Präsenzpublikum kann es sehen – nur die Diskutanten auf der Bühne verpassen es und wundern sich zum Beispiel, warum gerade alle kichern. In diesem Falle muss die Moderation entweder für ein anderes Setting sorgen oder sich darum kümmern, dass auch die Personen auf der Bühne orientiert sind.

Moderationsmethoden

Wir kennen von Präsenzveranstaltungen zahlreiche etablierte Methoden zur Beteiligung des Publikums. In den nächsten Absätze sind einige Methoden für hybride Formate skizziert.

Saalmikrofon plus Online-Mikrofon

Bei Präsenzveranstaltungen wird die „Brücke“ häufig durch ein Saalmikrofon realisiert. Das ist bei größeren Veranstaltungen ein Mikrofon auf einem Stativ, das im Publikum steht. Wer etwas beitragen möchte, steht auf und geht zum Saalmikrofon. Die Reihenfolge ergibt sich dadurch, dass sich mehrere Personen dort „anstellen“ können. Die Moderation weist solchen Beiträgen relativ einfach das Wort zu („Wir haben jetzt Zeit für Beiträge aus dem Publikum.“) oder schränkt es ein („Danke für den Beitrag, der Punkt ist klar geworden …“). Alternativ gibt es ein kabelloses Mikrofon, das von einer Assistenz dorthin gebracht wird, wo Wortmeldungen sind.
Das gleiche Vorgehen lässt sich zusätzlich mit einem Online-Publikum abbilden. Dafür muss der Rückkanal auch über Bild und Ton verfügen, z.B. durch eine Videokonferenz wie Zoom. Auch dort funktioniert das Verfahren „Wortmeldung“, das Verfahren „Schlange stehen“ und auch dort kann die Moderation die nächste Wortmeldung aufrufen. (In technischer Hinsicht muss vorab berücksichtigt werden, dass die „Brücke“, also hier das zugeschaltete Video, sowohl vor Ort als auch beim weiteren Online-Publikum zu sehen und zu hören ist.)

Fishbowl

Beim Fishbowl-Verfahren gibt es auf der Bühne einen oder zwei freie Stühle. Personen aus dem Publikum können für einzelne Beiträge diese Plätze einnehmen und Fragen und Diskussionsbeiträge abgeben. Sie räumen ihren Stuhl wieder, nachdem sie fertig sind und/oder jemand anderes den Platz einnehmen möchte. In diesem Setting sind die freien Stühle die „Brücke“ zwischen Bühne und Publikum.
Um dieses Verfahren bei hybriden Verfahren abzubilden, braucht es einen freien virtuellen Stuhl. Empfehlenswert ist ein Setting mit einem realen Stuhl und einem virtuellen Stuhl. (Wie beim Online-Mikrofon muss es für den virtuellen Stuhl ein zugeschaltetes Video geben, das mit Bild und Ton sowohl in Präsenz als auch online sichtbar wird.)

Internet-Korrespondent*in

Ein sehr beliebtes Verfahren für Wortbeiträge aus dem Online-Publikum ist die Textebene. Über einen Chat zum Livestream, über Beiträge auf Social Media oder über spezielle Anwendungen wie z.B. Tweedback können Fragen und Kommentare geteilt werden. Diese sind dann für das Online-Publikum sichtbar – aber nicht automatisch für das Präsenz-Publikum und die Bühne. Wenn das gewünscht ist, muss diese Textebene auch vor Ort gezeigt werden, zum Beispiel über eine gesonderte Leinwand. (In technischer Hinsicht gibt es verschiedene Lösungen dafür. Ein sinnvoller Standort dafür ist eine Seitenwand des Raums. Denn dort können auch die Personen auf der Bühne sie sehen und das Publikum kann wählen, ob es auf die Beiträge schaut oder auf die Bühne.)
Das Text-Verfahren kann auch nicht öffentlich organisiert werden, indem Personen aus dem Online-Publikum ihre Beiträge per E-Mails oder andere direkte Nachrichten einsenden.
In diesem Verfahren braucht es im nächsten Schritt eine Vermittlung zur Bühne. Die Aufgabe, die Textbeiträge zu sichten und die Fragen dann für die Veranstaltung aufzurufen, z.B. durch einfaches Vorlesen, liegt im besten Falle bei einer Person, die quasi als „Internet-Korrespondent*in“ als Co-Moderation auftritt. Durch sie kommen die Textbeiträge auf die „Brücke“ und damit für alle in die Diskussion.

Q&A-Tool z.B. Menti

Beim Modell „Internet-Korrespondent*in“ entscheidet eine (Co-)Moderation, welche Beiträge in welcher Reihenfolge aufgerufen werden. Diese Aufgabe kann an das Publikum übergeben werden. Sogenannte Audience-Response-Systeme wie z.B. Mentimeter oder Slido funktionieren online im Browser. Hier existieren verschiedene Modi, um 1. Fragen zu stellen und 2. über deren Gewichtung abzustimmen. Bei Mentimeter heißt diese Funktion beispielsweise „Live Q&A“. („Q&A“ steht für Questions & Answers, also Fragen & Antworten.) Der Dienst kann so konfiguriert werden, dass alle Teilnehmenden nicht nur eine Frage einreichen, sondern auch einen „Daumen hoch“ für andere Fragen vergeben können. Auf diese Fragen lassen sich die beliebtesten Fragen ganz oben anzeigen.

Die Rolle der Moderation ändert sich hier, weil das Publikum nicht nur die Fragen stellt, sondern auch entscheidet, welcher Beitrag als nächstes „auf die Brücke“ kommt. Im banalsten Fall liest die Moderation nur die nächste Frage und hakt sie danach im System als „erledigt“ ab, so dass die Liste eine Frage weiter rückt. In der Praxis kann die Moderation Fragen aus dem Online-System und Fragen vor Ort miteinander kombinieren.

Das folgende Video zeigt eine Veranstaltung, die diese Funktion genutzt hat. Schon während des Vortrags konnten Fragen über Mentimeter eingereicht werden. Auch Teilnehmende aus dem Präsenz-Publikum nutzen diese Möglichkeit über ihre Smartphones. Nach dem Vortrag (im Video ab Min. 51’20) werden sie nacheinander bearbeitet, wobei der Moderator sich nicht strikt an die vorgegeben Reihenfolge hält.

Mischung von Beiträgen aus dem Raum und von Online

Bei hybriden Veranstaltungen stellt sich, unabhängig von der konkreten Methode, eine besondere Herausforderung für die Moderation. Sie muss Beiträge sowohl aus dem Online-Publikum als auch vom Präsenz-Publikum im Blick behalten – und natürlich die Personen auf der Bühne und möglicherweise noch ihre eigenen Fragen und Beiträge. Die Erfahrung zeigt, dass das Gleichgewicht zwischen Online- und Präsenz-Beiträgen schnell für Irritationen sorgen kann. Das passiert vor allem dann, wenn zwei parallele Wege genutzt werden und beide Gruppen sich gegenseitig nicht vollständig „sehen können“. Dann entsteht leicht der Eindruck, die eigene Gruppe würden als „Teilnehmende zweiter Klasse“ behandelt, beispielsweise wenn erst Beiträge aus dem Saal bearbeitet werden, während das Online-Publikum zahlreiche Wortmeldungen aus ihren Reihen sieht. Umgekehrt kommen sich Personen, die am Saalmikrofon warten, möglicherweise zurückgesetzt vor, wenn zunächst mehrere Online-Beiträge zur Sprache kommen.
Es gibt kein Patentrezept zur Aufteilung zwischen Online- und Präsenzbeiträgen. Es empfiehlt sich aber für die Moderation auf jeden Fall, die Verteilung vorher zu planen und die Überlegungen auch transparent zu teilen. Im einfachsten Falle kann das zum Beispiel heißen, dass das Saalmikrofon oder Fishbowl Beiträge immer im Wechsel berücksichtigt werden. Es kann aber auch komplizierter werden, wenn eine Moderation zum Beispiel ein Q&A-Voting-System anbietet und die Fragen dann nicht in der Reihenfolge der Abstimmung behandelt. Auch hier hilft Transparenz zum Vorgehen, um Missverständnisse und Unmut zu reduzieren.

Austausch

Alle in diesem Artikel beschriebenen Verfahren gehen von einem grundsätzlich asymmetrischen Format aus. Bei hybriden Veranstaltungen ist es aber durchaus auch möglich, alle Teilnehmenden untereinander in den Austausch zu bringen. Methoden dafür werden in Folge 2 unserer Artikelreihe beschrieben

Dieses Material wurde in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) erstellt.

Lizenz

CC BY 4.0 Logo

Urheber dieses Materials: „Jöran Muuß-Merholz / Agentur J&K – Jöran und Konsorten unterstützt durch Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)“ | https://selbstlernen.net | Lizenz zu diesem Material: CC BY 4.0

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